Interview A+B

Yuko Matsuyama

22. Februar 2013

 

ROLLEN UND ROUTINEN

 

Wie viel Nähe, Chaos und Planbarkeit verträgt die heutige Beziehung? Die Choreografen Mercedes Appugliese und Florian Bilbao von A+B TANZBAU thematisieren in ihrem Stück „Die Ausnahme, Episode II“ im Dock11 moderne Beziehungsmuster am Abgrund des normalen Wahnsinns. Klar scheint: Wir finden oft nicht zueinander, weil wir uns permanent selbst suchen und von zu klaren Vorstellungen dominiert werden. Manchmal sollten wir uns einfach fallen lassen.

Interview: Jens Thomas

 

 

Rücken an Rücken: Mercedes Appugliese und Florian Bilbao während der Inszenierung.
Foto:
  © Dieter Hartwig

Wie geht es Ihnen? Ich fühlte mich in ihrem Stück wie in einer tanztheatralischen Therapiesitzung. Wie fühlen sie sich nach einer solchen Aufführung?

Mercedes Appugliese: Oh (lacht), wir müssen danach natürlich auch erst einmal runterkommen, schon rein körperlich, aber auch sonst verarbeiten wir sehr viel in einem solchen Stück.

Florian Bilbao: Das Thema Beziehung ist bei uns beiden seit Jahren präsent. Wir sind ja kein Paar, aber wir leben in Beziehungen und arbeiten zusammen. Auch in unserer Arbeit geht es um ganz viel Nähe.

Sie thematisieren die Singularität zwischen Linearität und Nicht-Linearität in Beziehungen. Sie kritisieren, wie wir heute mit Besessenheit die Zukunft planen, Ordnung schaffen und so auch Wandel vermeiden. Wie viel Ambivalenz und menschliches Chaos muss sein, damit eine Beziehung funktioniert?

Mercedes Appugliese: Wir können es nicht planen zu lieben. Man kann nur bereit sein, sich fallen zu lassen, wir können uns öffnen, um auch Liebe zuzulassen. Es muss darum Platz sein für das Unerwartete, wir können keine Gefühle verwalten, aber wir dürfen auch nicht im Chaos versinken.

Florian Bilbao: Unsere heutige Planbarkeit und die Kontrolle über unser Leben verhindert es geradezu, dass wir uns fallen lassen, das beobachten wir in unserer Gesellschaft und auch in unserem Umfeld. Wir gehen heute immer schneller Beziehungen ein und eilen von einer Station zur nächsten, das kann auch eine Flucht sein – vor einem selbst und vor der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber.

 

Ihr Stück ist auch eines der Ruhelosigkeit. Am Anfang windet sich das Paar dauerhaft auf einer Matratze, es kann nicht still liegen und ist permanent in Bewegung. Die Matratze ist ein Ort des Rückzugs, ein Platz, wo wir noch ungestört sein können oder sein sollten. Inwiefern überträgt sich die heutige Ruhelosigkeit auf die letzten Rückzugsräume in einer Gesellschaft?

Mercedes Appugliese: Das ist ein interessanter Punkt, so haben wir das gar nicht durchdacht, aber es stimmt, wir sind dauerhaft verfügbar, arbeiten permanent und es fällt uns schwer, abzuschalten. Uns ging es bei dieser Szene aber zunächst ums Unbewusste: In unseren Träumen kommt das zum Vorschein, was wir nicht kontrollieren können, gerade darum, weil wir so vieles kontrollieren wollen oder müssen. Der Schlaf verrät viel über uns. Und er sagt auch etwas darüber aus, wie wir zu unserem Partner stehen, wenn wir mit ihm im Bett liegen. Das Äußere überträgt sich auf unser Inneres, das geben wir an unseren Partner weiter und umgekehrt.

Florian Bilbao: Wir trennen uns heute häufiger, weil wir viel mehr Angebote haben als früher und wählerischer geworden sind, das lenkt uns aber auch ab, wir werden unruhig. Wir fragen uns zu selten, was wir wirklich wollen und was eine Beziehung ausmacht. Wir müssen darum immer wieder Routinen durchbrechen und die Herausforderung suchen.

 


 

Foto:  © Holger Diedrich

Sie sprechen in Ihrem Stück von „tiny decisions“, von alltäglichen Entscheidungen, die der Schlüssel für eine drastische Änderung des Lebenswegs eines Paars sein können. Man hat sein Schicksal selbst in der Hand?

Florian Bilbao: Zumindest sollte man versuchen, eigene Entscheidungen zu treffen. Oft kommen wir aber gar nicht zum Kern, weil wir so vieles gar nicht zulassen. Wir haben heute oft viel zu klare Vorstellungen darüber, wie eine Liebe oder eine Beziehung sein soll. Das überfordert einen selbst und auch den anderen.

Mercedes Appugliese: Zugleich sind wir natürlich äußeren Einflüssen ausgesetzt: Beziehungen sind heute stark abhängig davon, wie viel Geld man hat und wie viel Zeit zur Verfügung steht. Der heutige ökonomische Druck macht vieles kaputt in einer Beziehung. Er macht vielen auch Angst und das überträgt sich auf den Raum der Zweisamkeit. Dieser Raum sollte eigentlich ein Schutzraum sein.

 

Beziehungen gehen oft dann in die Brüche, wenn sich an der Lebenssituation eines Partners etwas ändert und ein neues Ungleichgewicht eintritt. In einer Szene thematisieren sie die Rollenverteilungen in einer Beziehung: Die Frau schafft dauerhaft Ordnung, indem sie Kissen stapelt und sortiert und ihren Mann dabei noch auf dem Rücken trägt. Wer trägt heute die Hauptlast in einer Beziehung?

Mercedes Appugliese: Natürlich spielen wir in dieser Szene mit Klischees, indem die Frau die Beziehung ordnet und der Mann das Chaos anrichtet. Der Mann zieht sich an dieser Stelle aber zurück, um sich einen neuen Platz in der Beziehung zu erkämpfen. Wir wollen deutlich machen, dass beide Partner heute gleichermaßen vom Unglück erfasst sind: Trägt der eine das Unglück in sich, ist es auch das Unglück des anderen.

 

 

Foto:  © Dieter Hartwig

Es werden in Ihrem Stück auch Hierarchien thematisiert. Trotz Emanzipation und Gleichstellungsdiskussionen suchen Frauen noch immer den Statusüberlegenen. Der Autor und Paartherapeut Stefan Woinoff spricht in seinem Buch „Überlisten Sie Ihr Beuteschema“ von einem archaischen Beuteschema in der Moderne. Wie viel Fortschritt verträgt eine Beziehung überhaupt?

Mercedes Appugliese: Das ist ein interessanter Punkt. Der Fortschritt macht heute vielen Angst, darum flüchten sich viele wieder in Rollenmuster. Deshalb müssen wir aber umso mehr solche Rollenverteilungen in Frage stellen und darüber reden. Zugleich sind Beziehungen immer auch komplementär, das muss nichts schlechtes sein, darum sind Mann und Frau auch zusammen. Und wir sind ja auch schon weiter als vor einem Jahrhundert: Frauen gehen heute arbeiten und die Frau hat die Möglichkeit, ihre Rolle als Mutter selbst zu definieren, ohne eine feste Beziehung eingehen zu müssen. Zugleich ist das eine Doppelbelastung für die Frau im Spannungsfeld von Kind und Karriere. Viele Beziehungen zerbrechen an diesem Punkt.

Früher waren die Menschen teils ein Leben lang zusammen, selbst wenn sie es nicht wollten. Ist es nicht auch ein Fortschritt, dass man sich heute schneller trennt als früher, wenn man merkt, es passt nicht?

Florian Bilbao: Es ist beides: Einerseits ist ein Akt der Befreiung, wenn wir uns von Dingen trennen, die wir nicht aushalten, zugleich lassen wir Dinge immer seltener an uns heran, weil wir permanent auf der Suche sind. Es geht um die Kunst des Balancierens, wie auf einem Seil, das eine Verbindung zweier Gegensätze schafft. Wie lange wir auf diesem Seil bleiben, ist unsere Entscheidung.

Sie leben beide in Berlin. Florian Bilbao, Sie kommen aus Frankreich und sind seit zehn Jahren hier, Mercedes Appugliese, Sie kommen ursprünglich aus Argentinien und leben seit sieben Jahren in Berlin. Wie erleben sie die Beziehungskonflikte in ihren Herkunftsländern? Gibt es kulturelle Unterschiede in Beziehungsmustern?

Florian Bilbao: Die gibt es sicher. Frankreich ist aber in diesem Punkt ähnlich wie Deutschland sehr „europäisch“.

Mercedes Appugliese: Die Rolle der Frau ist in Argentinien noch vergleichsweise traditionell. Der Anteil an Katholiken in Argentinien liegt bei 90 Prozent. Der Mann kümmert sich dort weniger um die Kinder und es gibt keine Diskussion darüber. In diesem Punkt ist Deutschland schon sehr fortschrittlich. Ein Großteil der Bevölkerung ist sehr arm in Argentinien, es gibt viele Großfamilien mit bis zu sieben Kindern. Eine Trennung oder Scheidung wird dort nicht gerne gesehen, vor allem auf dem Land. Vieles in Argentinien ist nicht so durchdacht wie hier. Aber man ist auch nicht so misstrauisch. Und das ist auch etwas Schönes.

 

 

 

Das Projekt wurde zum einen durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten finanziert, zum anderen über Crowdfunding. „Die Ausnahme, Episode II“ findet in Kooperation mit DOCK 11 Eden***** statt. Das Stück ist noch bis zum 24. Februar zu sehen. 

 

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Portfolio von A+B Tanzbau auf Creative City Berlin 

 


 

 

 

Kategorien: Theater & Tanz

 

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